Lebendig oder tot: Warum Todeserklärungen
Aufgrund ihrer Verarmung durch die erlittene Gewalt wenden sich die Angehörigen der Verschwundenen an die staatlichen Behörden und an die Sozialämter in der Hoffnung, dass ihr Recht auf Unterstützung - ähnlich den Binnenvertriebenen oder Minenopfern - anerkannt und die große juristische, emotionale, psychologische Last und soziale Unsicherheit erleichtert wird. Insbesondere betrifft die Problematik die zurückgebliebenen Frauen und Kinder. Dennoch erhalten sie keine befriedigenden Antworten, und was noch schlimmer ist, ihre Probleme werden nicht verstanden. Es zeigt sich ein allgemeines Unverständnis der Behörden gegenüber der Kategorie der Menschenrechtsverletzung durch gewaltsames Verschwinden und ihrer besonderen Schwere.
Die an die Familienangehörigen gerichtete Aufforderung, einer Todeserklärung des Verschwundenen zuzustimmen, übersieht völlig den angerichteten psychischen Schaden, den diese erlitten haben. Es wird außer acht gelassen, dass die internationale Rechtssprechung und vor allem der Interamerkanische Gerichtshof für Menschenrechte das Leiden der Familienangehörigen der Verschwundenen mit der Folter gleichsetzt. Diese Problematik ist tragisch für die Familien – meistens Frauen und alte Menschen betreffend – und ist ein Beweis dafür, dass die Gesetze für humanitäre Hilfe (Gesetz 418/97 und 782/02) die Opfer des gewaltsamen Verschwindens diskriminiert, da sie diese nicht mit den Opfern von politischer Gewalt gleichsetzt. Und genau dies verwehrt oder erschwert ihnen die Teilhabe an humanitärer Hilfe.

Die Studie Asistencia Humanitaria y Muerte Presunta: Discriminación y daño a la integridad mental de las víctimas de desaparición forzada (HUMANITÄRE HILFE UND MUTMASSLICHER TOD: DISKRIMI-NIERUNG UND BESCHÄDIGUNG DER INTEGRITÄT VON OPFERN DES GEWALTSAMEN VERSCHWIN-DENLASSENS), die im Mai dieses Jahres veröffentlicht wurde, beruht auf der Realität der Opfer, auf dem Respekt für ihre autonomen Entscheidungen und Nöte, auf dem herrschenden internationalen Recht. Sie ist eine Analyse aus der Sicht der Opfer und schließt Folgerungen und Empfehlungen an den kolumbianischen Staat und an die internationale Gemeinschaft ein, mit Einbezug der Erfahrungen der lateinamerikanischen Wirklichkeit und Rechtsprechung.
Die Empfehlungen dieser Studie sind folgende:
  1. Anerkennung der Familienangehörigen von gewaltsam Verschwundenen als Folteropfer auf-grund des erlittenen Verletzung der mentalen Integrität.
  2. Das Verfassungsgericht möge die Verfassungswidrigkeit von Art. 15 des Gesetzes 418/97 und des Art. 6 des Gesetzes 782/02 feststellen aufgrund der Gleichheit vor dem Gesetz und dem Prinzip der Nicht-Diskriminalisierung und als Folge möge es anordnen, die Opfer von gewalt-samem Verschwinden und ihre Familienangehörigen als politische Gewaltopfer anzuerken-nen und entsprechend zu entschädigen.
  3. Das Präsidentschaftsamts für die Soziale Aktion (Acción Social) möge seine Vorschriften für die Vergabe von Nothilfe an Opfer politischer Gewalt dahin erweitern, dass die Opfer von gewaltsamem Verschwinden in die Hilfsmaßnahmen eingeschlossen werden und die Vorlage eines Totenscheins nicht erforderlich ist.
  4. Der Kongress der Republik möge für zivilrechtliche Regelungen nach dem Vorbild von Argen-tinien und Peru ein Gesetz erlassen, das bisherige Todeserklärungen durch eine „Erklärung der Abwesenheit durch gewaltsames Verschwinden“ ersetzt.
  5. Die Internationalen Organisationen werden im Rahmen ihrer Kooperation gebeten, das Recht der Familienangehörigen von gewaltsam Verschwundenen auf humanitäre Hilfe zu un-terstützen und sich dafür einzusetzen, dass weiterer psychischer Schaden durch eine aufge-nötigte Todeserklärung des Opfers vermieden wird.
In diesem Moment ist Ihr Beitrag zur Sensibilisierung und Öffentlichkeitsarbeit und Ihre Untertützung von gesetzlichen Alternativen und humanitären Initiativen von großer Bedeutung für die Opfer des gewaltamen Verschwindens.

Die vollständige (spanische) Studie steht hier zum Download bereit.

Zögern Sie nicht, mit uns Kontakt aufzunehmen.